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Galgenkreuz . Erhängte . Arme-Sünder-Kreuz . Arme-Seelen-Kreuz . Mord in Roden
 
 
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Crux: Arme-Sünder-Kreuz Saarlouis-Roden, Arm-Sünder-Kreuz Roden ODER einfach umgangssprachlich das Galgenkreuz Saarlouis-Roden

   

Warum benutzten die Herren soviele Bezeichnungen, wenn Ihnen der Terminus Galgenkreuz nicht unangenehm gewesen ist? Denn was es für eine Kreuz ist, wussten Sie aus zahlreichen Festzeitschriften (inkl. Lage)! Glauben Sie nicht? Na dann bitte eines der Bilder anklicken.

Bauskizze I.:

Und hier steht jeweils unten nur Arme-Sünder-Kreuz, die feinere Ausdrucksweise für Galgenkreuz...

  Privatmeinung

Bauskizze II:

 

 

 

Warum bin ich persönlich gegen dieses Kreuz? Diese Frage wurde mir jetzt häufig genug gestellt, so dass ich sie einfach mal öffentlich aufgreife - also meine ganz eigene Meinung kund tue, somit ausdrücklich nicht im Namen von Rodena schreibe und im Gegensatz zu den Standard-Redaktionsartikeln der letzten Zeit, die eine neutrale Sicht aufgreifen.

1. Wie den meisten Besuchern wohl aufgefallen sein dürfte, bezeichne ich mich selbst weder als "Heimatkundler" noch als "Heimatforscher", obwohl ich einen doch beachtlichen Teil meiner Freizeit in den Rodena Heimatkundeverein Roden e.V. stecke. Doch liegt mir die Versuchung einfach zu nahe, an einen Punkt zu gelangen, wo objektive Betrachtungen hinter unseriöser Heimatkundearbeit (und damit meine ich ausdrücklich nicht die Buddelarbeiten am Kreuz) zurückfallen, da man unter dem Druck steht, stets was Neues, Spektakuläres zu liefern oder etwas passend zu machen. Die Erreichbarkeit dieses Punktes möchte ich nicht auch noch fördern.

Sonst komme ich vielleicht auch noch an den Punkt, dass ich zwei Termini* und einen recht länglichen Erklärungszusatz** benutzen muss - so wie ein bestimmter Verein nach einem "Zufallsfund" (die Lage stand ja "nur" in zwei Festzeitschriften) - nämlich Wegekreuz, Sühnekreuz um irgendwie zu kaschieren, dass man hier ein Galgenkreuz hofiert - ein Teil des Hinrichtungswesens des Mittelalters.

Wegekreuz, ja das Galgenkreuz war und ist tatsächlich ein solches. Es ist der absolut oberste Gattungsbegriff, der korrekt Flurkreuz lautet. Spätestens bei den Bezeichnungen "Buß- und Sühnekreuz", "Sühnekreuz" hört der Spaß aber auf. Ein Todeskandidat, der wenige Minuten nach dem letzten Gebet am Galgenberg nur auf einen schnellen Tod durch Genickbruch hoffen durfte, ansonsten er elendig langsam starb oder um es deutlicher zu formulieren: verreckte... der sühnt über alle Maßen und für diese Art von Flurkreuzen gibt es auch einen Namen, nämlich Arm(e)-Sünder-Kreuze - im Volksmund auch Galgenkreuze u.ä. Ein Sühnekreuz ist ein Flurkreuz, dass Teil eines Sühnevertrages ist, um eine Blutfehde aufzuhalten, Tote zu verhindern.

Falls Sie jetzt vermuten, dass meine Abneigung gegen dieses Kreuz von obigen Punkten her rührt, also historisch, wegen mir auch historisch-wissenschaftlich oder sonst wie heimatkundlich bedingt ist, liegen Sie leider immer noch nicht richtig. Aber: Es hat etwas damit zu tun.

2. Ich bin überzeugter Christ und das meine ich ohne jeglichen Pathos. Ich muss nicht jeden Sonntag in der Kirche sein, um mich als Christ zu fühlen. Ich liebe es zum Beispiel während der Woche die Stille und den Frieden einer Kirche zu genießen. Und ich liebe meine Kirche.

Für mich stellt diese Art von Kreuz die Perversion all dessen dar, was die Kirche für mich ist. Ein Hort des Friedens, eine Institution, die den Frieden und das Verzeihen fördern soll. Und da liegt für mich das Problem und die damit einhergehenden Magenschmerzen, wenn ich lesen muss „wo früher der Galgen von Roden stand. Nur das hier heute zum Tode verurteilte Leute nicht mehr anhalten und um Vergebung bitten. Die grausamen Zeiten sind zum Glück vorbei. Aber Fürbitten darf und kann man hier auch noch halten.“

Meine Herren! Die Einzigen, die an diesem schmucken Teil beteten, MUSSTEN hier beten, wurden dazu gezwungen oder noch mal kurz gegeißelt. Die Kirche war fester Teil des Hinrichtungsprozederes! Die Delinquenten MUSSTEN vor DIESEM KREUZ Reue zeigen, sie MUSSTEN niederknien, sie MUSSTEN beten, sie wurden VOR UND NACH ihrer letzten Pause AN DIESEM KREUZ VERSPOTTET, GEDEMÜTIGT. Und nicht nur Mörder, Vergewaltiger etcpp., sondern auch einfache Leute, die aus purer Not versuchten die Abgaben geringer zu halten, die hohen Herren "betrogen" haben, die teils wohl auch zu Unrecht verurteilt waren.

Nun rühmt man sich also, das Galgenkreuz Richtung Galgenberg wieder aufgestellt zu haben und empfiehlt dort Fürbitten zu beten. Nette Idee. Und natürlich Gott um Verzeihung zu bitten, dass durch die Gerichtsbarkeit seiner Kirche, durch die Einführung des Galgens aktiv wiederum durch seine Kirche, Menschen getötet wurden. Man betet für die Armen-Sünder - auch nicht schlecht. Man sollte, betrachtet man die Periode des Kreuzes, aber auch gleich für die "für Freiheitsliebe", "für Gleichberechtigungssuchende" mitbeten und natürlich für die "Fälschlich-Beschuldigten" die dort exekutiert wurden.
Insgesamt ein prickelnder Vorschlag. Man betet am Kreuz gegen die Kirche und ihre Taten - dies ist aktive Glaubensförderung per excellence. Abgesehen davon, dass man sich nicht vor Augen führen sollte, das genau dieses Kreuz nur für den oben beschriebenen Zweck aufgestellt worden ist: die letzte öffentlich Demütigung des Delinquenten BEIM BETEN und danach. Dieses Kreuz war ein zu dem ein Machtzeichen, ein Zeichen der Herrschaft(en) über Leben und Tod.

In einem Museum, als Mahnmal für den Schrecken, die die Kirche in einer sehr dunklen Zeit mitgetragen hat, eine wohl interessante Ergänzung. Als Flurkreuz - eine Katastrophe. Genügend andere Gemeinden haben genau das mit ihren Galgenkreuzen, Arme-Sünder-Kreuzen getan - oder sie einfach zerstört. Und mal Hand aufs Herz - selbst in Roden dürfte es schwer sein jemanden zu finden, der tatsächlich an die Pirouette des Kreuzes glaubt, wobei der Jesus mit der Nase nach unten gelandet ist, recht sanft übrigens, da das Kreuz dabei schon zerstört worden wäre, und sich dann selbst mit Erdreich bedeckt hat. Und das Kreuz ist natürlich einfach so gefallen, das Rammen durch ein Fahrzeug oder der Einschlag einer Granate hätten es ja ebenfalls komplett zerstört. Natürlich hat da nicht jemand das Galgenkreuz "entsorgt" gehabt, z.B. ein Anwohner. Oder nein - eine andere Interpretation: jemand hatte das Galgenkreuz so geschätzt und geliebt, dass er es abriss, vergrub... aber halt nur dieses eine Kreuz, weil es so schöne Erinnerungen in ihm weckte. Und nachdem die Situation wieder sicher war, hat er es wegen dem sauren Regen im Erdreich gelassen - sicher ist halt sicher...

Wer's glaubt wird selig.

Würde es sich um irgendein anderes Kreuz handeln - ich wäre einer der Ersten gewesen, die einen begeisterten Artikel geschrieben hätte. Und aus rein heimatkundlicher Sicht achte ich das Verfolgen eines Hinweises auf die Existenz und das Auffinden. Die Art der Freilegung sehe ich grenzwertig an - nicht umsonst ist das ein extra Studienabschnitt. Der extrem professionellen Renovierung und Neuschöpfung durch den meisterlich arbeitenden Betrieb Ahlhelm zolle ich höchste Bewunderung. Aber alles, was ansonsten damit geschah - das lehne ich als Christ - ab.

Ich hoffe, ich konnte die Frage bzgl. meiner Abneigung somit beantworten. In offiziellen Rodena-Artikeln werden wir aber, gewohnt neutral, über Kreuz und Neunfindungen von Bedeutungen berichten, weshalb ich dieses Statement auch ausgelagert habe.

 

Dr. Andreas Neumann

 

* "Das Wegekreuz wird wieder errichtet", "Das Sühnekreuz wird an alter Stelle errichtet"

** "Wie immer schaut es in die Richtung, wo früher der Galgen von Roden stand. Nur das hier heute zum Tode verurteilte Leute nicht mehr anhalten und um Vergebung bitten."

   
   
Reaktionsartikel

Steinmetz Ahlhelm hat sich übertroffen! Das Galgenkreuz steht in neuem Glanz.

(red) Neuer Platz, modifizierter Sockel, mehr als nur ordentlich wiederhergerichtet. Das heraldische Herz kündet wieder im angedeuteten Barock-Stil davon, dass man festen Glaubens in Iesum, über den Tod triumphieren wird. Natürlich ändert die ganze - wenn auch wirklich perfekte - Kosmetik noch immer nichts an der Geschichte des Kreuzes, aber wen die nicht interessiert, hat nun ein weiteres Kreuz in Roden. Überzeugten Christen, die an die Liebe Gottes glauben, dürfte selbiges Kreuz aber mehr als nur einen Schauder bescheren - denn es war teil des Hinrichtungsprozederes in Roden - am Galgenberg. Und die Delinquenten dürften auch die frommen Worte des Seelsorgers und das letzte Gebet am Kreuz nur kurzfristige Linderung verschafft haben. Denn das Ziel ihres Weg war klar: Galgen - oder Verbrennung (siehe E.R.).

Herrn Ahlhelm muss man aber ohne wenn und aber für die Neugestaltung inkl. Rekonstruktion des, bei den Buddelarbeiten zerstörten, Kreuzes Hochachtung zollen. Er hat seine wahrlich meisterliche Fähigkeit mit Sandstein zu arbeiten wieder vollumfänglich unter Beweis gestellt. Ob Kiens den Galgen liefern?

Vom Fund über die Aufstellung
des Sockels bis hin zum Galgenkreuz
21. Oktober 2010

Na hoppala - bei der Recherche zum neuen Buch...

(red) ... stellt man ja fest, dass das Kreuz so unbekannt gar nicht war und ist. Und das sich das Koblenzer Archiv mit der Meinung einer Rodenerin deckt. Elisabeth Rinkenbach formuliert es nur wesentlich freundlicher mit einigen "wenn und aber", doch am Schluß bleibt es gleich. An einem Galgenkreuz kann man rumpolieren - so viel wie man will - aber es wird niemals ein Sühnekreuz daraus. Sühnekreuze sind Bestandteile eines Sühnevertrages, Beispiel: Person A tötet Person B. Als es noch Blutfehden gab, kam man statt einem sinnlosen Massengemezel überein, dass die Person A sich fortan um die Familie des Getöteten zu kümmern hat, der Kirche einen Betrag X spendet und ein Kreuz aufstellt. Er hat gesühnt. Galgenkreuze bedeuten, man sieht es, muss beten, geht zum Galgen und ... Exitus.

Und wer ernsthaft behauptet, dass die tiefen Wetzrillen vom Steinmehlbedarf herrühren, übersieht die bäuerliche Kultur Rodens. Die Sense dort zu weihen - grenzwertig aber möglich. Die Sense dort zu schärfen - warum nicht. Sandstein und Metall - eine gute Kombination. Aber Steinmehl vom Galgenkreuz - wofür? Zu beten, dass man auch dort endet? Vor allem bei so vielen "guten" Kreuzen vor Ort inkl. einer Kirche direkt vor Ort...

Bildquelle: Roden - Geschichte und Entwicklung, Sep. 1987 (CDU).

 
20. Oktober 2010

 

Weiterführende Artikel auf www.rodena.de:

Im Galgenumfeld und Wetzrillen und Schabnäpfchen.

 

   
   
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